Das Nagelstudio
veröffentlicht 29.09.2026

Ich gebe es zu. Ich gehe ins Nagelstudio. Meine Nägel sind von Natur aus weich und schon beim Öffnen einer Kofferraumtür zersetzen sie sich in Lichtgeschwindigkeit. Regelmäßige Arbeiten an der PC-Tastatur geben ihnen dann den Rest. Also bevor ich immer aussehe, als wäre ich ein Maulwurf mit tonnenschweren Erdarbeiten, der auf einen neuen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde hinschaufelt, lasse ich mir also Traumnägel zaubern.
Jedes Mal wieder steht am Anfang die Frage: „Welche Farbe für die kommenden Wochen?“ Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, z.B. steht ein Urlaub an und passt es zum dortigen Outfit respektive zum – wahrscheinlich nur einmal genutzten – Badeanzug in Leo-Optik? Ist die Gegend oder das Hotel eher dezent oder partymäßig auffällig? Im Urlaub darf es schon mal gewagter sein, als im beschaulichen Heimatort. Ist es Frühjahr, Sommer, Herbst oder Winter – oder gar Weihnachten? Daneben ist es von der Tagesform abhängig oder vom erfolgreichen Gang auf die Waage, von der neuen Klamotte, die vielleicht den seltenen Eingang in meinen Kleiderschrank gefunden hat oder von tausend Kleinigkeiten, die die Entscheidung beeinflussen könnten. Regen ist als Grund auch nicht ganz auszuschließen. Nun gut, das Studio hat tausend Varianten, was die endgültige Festlegung nicht leichter macht. Aber okay.
So setze ich mich dann und lasse die wabernden Aceton-Schwaden ihre Arbeit tun und mich in einen leichten Rausch versetzen. Ich verstehe bis heute nicht, wie die dort Arbeitenden das auf die Dauer aushalten.
Zum Einsatz kommen nun erst einmal drölfzigtausend verschiedene Schleifaufsätze, die den alten und herausgewachsenen Farbbelag entfernen und die Leinwand für neue Kunstwerke schaffen. Der Nagelelf dreht meinen Finger um exakt 78,253 Grad, ohne meine Hand mitzudrehen und bedeutet mir wortlos, ich solle lockerer sein.
Alter, noch lockerer und ich zerfalle vor deinen UV-Licht-Lampen in meine Einzelteile, was ich genauso nonverbal kommuniziere.
Still arbeitet er vor sich hin, sein Blick schweift derzeit permanent im Studio umher, damit er den Überblick behält. Nebenbei ist er auch für die telefonische Terminvergabe verantwortlich, was für kleinere Pausen in meiner Bearbeitung sorgt. So können sich meine Finger wieder in die ursprüngliche Form zurückverwandeln, die zwischenzeitlich aussahen, als hätte ein Harry-Potter-knochenlos-Zauber in ihnen gewirkt.
Nach ein paar Schichten, die meinen Nägeln die Kraft eines Allzwecktaschenmessers verleihen, mit denen ich Dosen öffnen, Schrauben eindrehen und alte Farbreste entfernen kann, kommt der eigentliche Auftritt meiner gewählten Farbe. Und während ich spekuliere, ob ich nicht doch die dunkelrote Variante hätte wählen sollen, stecken meine Finger schon im UV-Licht.
Kurz darauf entdeckt mein Nagelelf noch seine künstlerische Ader und verziert auf Wunsch den Ringfinger. Gibt es logischerweise nur gegen Aufpreis. Und nach gut 45 Minuten ist die morgendliche Fingergymnastik vorbei und meine Nägel sehen für ein paar Wochen wieder aus, als hätte die Natur sie so angelegt. Ach ja, nichts geht über schöne Hände.